Archiv der Kategorie 'polyamory'

Representation of nonmonogamy matters

Das war eine Tweetkette von mir gestern, aber da mein Account vorerst weiter protected bleiben wird, poste ich sie hier nochmal, denn der Blog ist ja öffentlich und hier können das dann auch andere lesen, die mir nicht auf twitter folgen.

Es mag euch ganz ganz gering erscheinen, aber ich bin so unglaublich froh über all die Artikel über non-monogame Menschen.
Als Teenie habe ich mich in zwei Menschen zugleich verliebt, mit Leuten darüber geredet. Es war allen klar „Du musst dich entscheiden.“
Der*die Verlassene wird schlimm verletzt werden. Wer auch schlimm verletzt wurde, war ich: auch ich hatte ja eine Liebe verloren.
Die war nämlich nicht weg mit der neuen. Ich habe gedacht, ich bin ‚krank‘, widerlich, ‚gestört‘ (ich benutze diese Wörter absichtlich, denn das waren negative Wertungen für mich damals und das Stigma hängt ihnen an).
Ich habe irgendwann auch gedacht, ’so‘ keine Existenzberechtigung zu haben. Oder nie glücklich zu werden.
Über BDSM hatte ich positiv in der Zeitung gelesen – das hat geholfen, mich weniger ‚widerlich‘ zu fühlen. Über poly erst sehr viel später.
Ich bin jetzt – in Anbetracht all derer, die jetzt da sind, wo ich damals war – sehr dankbar für wirklich jeden Artikel. Er macht sichtbar.
Und das sage ich nun, nachdem ich jetzt über 6 Jahre in Mehrfachbeziehungen lebe. Glücklich. Damn glücklich. Nicht immer – aber sagt mir mal, welche Beziehung immer immer glücklich ist :-)

Ergänzung: das ist nur ein Beispiel für Repräsentation, andere Menschen haben andere Bereiche. Für alle gilt – representation matters!

Reich im Menschsein, nicht im Haben

„Es ist der Reichtum, ein Mensch zu sein, von dem dieser Text spricht, nicht der, etwas zu haben. Reichtum, der im Haben besteht, sichert sich durch Besitz, Stand und Privilegien. Es ist ein Reichtum, der dadurch zustande gekommen ist, daß andere arm gemacht worden sind.“ (Dorothee Sölle, Rede vor dem Ökumenischen Rat der Kirchen 1983 in Vancouver zu Jesaja 58,6-12)

Genau so sehe ich meine Beziehung. Ich bin reich an meiner Beziehung, an meiner Liebe, ja gewissermaßen auch an meinem Freund. Aber nicht, indem ich andere, seine Freundin, arm mache. Nein, mein Reichtum ist kein bloßes „ihn haben“ und dann kann ihn kein*e andere*r mehr haben, sondern mein Reichtum mehrt sich, wenn er sich nicht davon speist, dass Anderen etwas genommen wird.
Mein Freund wird mehr, indem er liebt und Freude empfindet. Und ich werde mehr, indem ich liebe und Freude empfinde.
Ich habe ihn eben nicht, sondern ich liebe ihn. Der ganze Reichtum der sich daraus ergibt ist unser Menschsein, unser in Beziehung stehen.

Das ist eine ganz andere Denkweise auf den Reichtum, den Menschen mir geben, als die üblich besitzbezogene. Es ist gewissermaßen eine soziale, beziehungsbezogene Sichtweise. Ich werde doch reich durch all das, was wir teilen, was wir erleben, reden, denken. Was Anderes könnte mich denn an einem Menschen reich machen?

Da fällt mir nur seine Arbeitskraft an, an der ich mich bereichern könnte. Aber meine*n Partner*in als Arbeitskraft zu sehen, da wehre ich mich doch gegen. Mich macht sie*er als Partner*in reich, d.h. es ist die Partnerschaft, die mich reich macht. Und die ist wieder nichts anderes als In-Beziehung-stehen. Von Haben erkenne ich da nichts.

Die Vorstellung, man müsse seine*n Partner*in haben, setzt die Vorstellung voraus, dass Liebe eine begrenzte Ressource ist. Daran glaube ich nicht. Ich glaube, dass Liebe immer mehr will. Und mehr. Und mehr. Aber nicht haben. lieben.

Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral

Ich war heute Abend in der Dreigroschenoper im Hamburger Schauspielhaus. Die Inszenierung hat mir gut gefallen muss ich sagen und die Darsteller_Innen waren richtig gut.

Allerdings fiel mir etwas ganz anderes schwer: in diesem prunken, schnieken Theater unter schnieken Leuten zu sitzen, die ihren Pelz an der Garderobe abgegeben haben um sich der Kultur hinzugeben. Brecht gehört ja zum guten Ton und einfach dazu.
Da stehen sie dann vorne am Bühnenrand und singen in eben diese Gesichter: „Das ist es Menschen nacktes Recht auf Erden… doch die Verhältnisse sie sind nicht so!“

Nicht, dass ich irgendwem absprechen möchte, Brecht zu sehen und hören – oh nein, alle sollten – doch was mich erschreckt ist die Kulturfrömmelei. Man hört sich die Dreigroschenoper an, und dann fährt man fröhlich beschwingt wieder nach Hause ohne nur einmal weiter über die Kritik nachdenken zu müssen. Zumindest unterstelle ich das.

Da wird im ganzen Saal gelacht und geschmunzelt, wenn es heißt „Ach Polly, was ist denn schlimmer? Eine Bank zu überfallen oder eine Bank zu gründen?“ und der Hunger, der blanke Hunger, überhöhrt.

Schön umgesetzt war die Eifersuchtsszene, die mir als poly-Mensch ja ohnehin gefällt:
„Ich habe dich so lieb, ich hätte es fast lieber dich gehängt zu sehen, als in den Armen einer Anderen.“

Mackie singt „Wenn die Not am Höchsten, ist die Rettung am Nächsten“ und ich musste an Hölderlin denken: „Wo aber Gefahr ist wächst das Rettende auch.“ Ach ja, hätte Hölderlin gewusst, was mit seiner Poesie noch passieren wird und Brecht gewusst, wie seine Stücke aufgenommen werden, hätten sie sich dann überhaupt noch getraut, oder hätten sie ebenso resigniert?
Ich bin ein wenig resigniert heute abend. Was sich geändert hat seit 1928 frage ich mich und bin mir noch nicht sicher, ob ich die Antworten finde und wenn, ob ich sie mag.