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Die Scham einen Körper zu haben, der nicht unsichtbar ist

Disclaimer/Triggerwarnung: Es geht um Dicksein, um Essstörungen, um Selbstverletzung und Hass gegenüber dem eigenen Körper. Da es mir gut tut, diese Begriffe anzueignen, rede ich (auch im folgenden Text) von mir als dick und/oder als fett. Ich sage Diäten, auch wenn mitunter sogenannte „Ernährungsumstellungen“, gemeint sind. Dieser Begriff ist in den meisten Fällen ein verherrlichender Begriff für lebenslange Diät.

Steinmädchen hat demletzt einen ganz tollen Text zu Essstörungen und deren Normativierungen und Stigmatisierungen geschrieben.

Ich möchte nun mal einfach ein paar persönliche Erfahrungen und Gedanken aufschreiben. Weil ich lerne und merke, dass es wichtig ist, dass Geschichten von von Fatshaming betroffenen Menschen (da spielt es meiner Erfahrung nach übrigens kaum eine Rolle, ob und wie sie Dick sind und sich nennen!) und das Leid öffentlich und erfahrbar werden. Um die Scham zu verringern. Denn genau darum geht es, um Scham. Ich sollte mich schämen, statt hier öffentlich im Internet einen Text über meinen Körper und mein Essverhalten zu schreiben. Ich sollte mich für meinen Körper schämen. Ich sollte mich dafür schämen, wie ich esse, wann ich esse, was ich esse, wieviel ich esse, warum ich esse. Weil man ja „weiß“, dass ich deswegen dick bin.

Zumindest wurden mir diese Scham-Anlässe seit frühester Kindheit beigebracht.
Mit 6 – ausgeschrieben sechs Jahren – hat der erste Arzt festgestellt, dass ich „zu dick“ sei. Er hat meine Mutter fertig gemacht, dass sie mich falsch ernähre, ohne sie zu fragen, wie sie mich ernähre. Da fing es schon an. Nicht nur ich sollte mich für diesen Körper schämen, auch meine Mutter sollte sich mit schämen. Ich machte meine erste Diät. Es „half“, ein paar Wochen. Dann war wieder alles da. Die nächste Diät.. die Story kennt man ja. Mit sechs fand ich Diäten noch nicht toll, das Ziel war (noch) nicht, dass ich dünner sein wollte – ich wollte aber doch sehr, dass meine Mutter sich freut und stolz auf mich sein kann. Ich fand es nur beschissen, dass ich nicht mehr essen konnte, worauf ich Lust hatte (und nein, das war nicht immer Schokolade und Süßes!), sondern alles reglementiert war, alle meine Freund*innen aber alles essen durften. Ich wurde neidisch und begann mich „anders“ zu fühlen. Ich begann heimlich zu essen. Damals noch ohne Erbrechen. Die Diäten halfen nichts. Ich schämte mich dafür, dass ich „versagte“ und dafür, dass ich überhaupt aß. Der Arzt wurde mürrischer, machte meine Mutter immer mehr fertig, wir haben nach jedem Besuch beide geweint. Ich war „pummelig“ (so nannten viele es nett (ich fand das nie nett) im Kindheitsalter), aber ich konnte rennen, radfahren, schwimmen, spielen – ich fühlte mich subjektiv sehr gesund.

Dann begannen die ersten Verbalattacken in der Schule. Besonders Schwimmen machte keinen Spaß mehr – ich wollte nicht, dass mich jemand sieht. Ich täuschte sehr erfolgreich eine allergische Reaktion auf Chlor vor. Nur, um nicht von meinen Mitschüler*innen und Lehrer*innen im Badeanzug gesehen zu werden und damit eine Angriffsfläche zu bieten. Ich holte mir Atteste für den Sportunterricht. Obwohl mir Sport eigentlich Spaß machte, aber der Erniedrigung aus dem Weg gehen wollte.
Mit dem Wechsel auf die weiterführende Schule begann die Idee, dass es mir viel besser ginge, dass ich viel attraktiver sei, dass alle mich mehr lieb haben würden, wenn ich dünner wäre. Und ich wurde dünn – zu dünn. Anfangs bekam ich ständig Komplimente – das stachelte total an. Alle waren stolz auf mich und bewunderten mich. Meine Mutter lächelte und freute sich. Ich konnte machen, dass mich alle lieben. Aber ich mich nicht. Ich habe mich selbst am Meisten gehasst in dieser Zeit. Und ich habe mich geschämt. Ich habe mich geschämt, wenn ich einen Apfel essen wollte. Ich habe mich geschämt, wenn ich Gefressen habe bis zum Erbrechen (RW), im wahrsten Sinne des Wortes. Ich konnte nichts mehr. Nur noch „nicht essen“. Dann waren „plötzlich“ alle nicht mehr Stolz und boten mir Hilfe an. Das war einer der krassen Unterschiede zu heute, sie boten mir Hilfe an – ich dachte, sie sähen mein Leid. Erst viel später musste ich begreifen, dass sie es auch da nicht sahen und verstanden. Ich machte „Therapie“, ich wurde wieder dicker, ich wurde dick. Ich fing an mich selbst zu verletzen, ich wollte diesen Körper loswerden.
Essen war immer ein Horrorspiel. Essen mit Anderen war und ist ein innerer Kampf. Ich konnte schon immer gut nach außen spielen, dass und ob alles super in Ordnung ist und innerlich zerreißen. Und ich spielte und niemand bekam es mit. Die Menschen sahen meinen Körper und sie konnten wieder Dinge sagen, wie „Na, dir scheint’s aber gut zu gehen.“ „Ich mache jetzt eine Ernährungsumstellung, wenn du Lust hast mitzumachen…“ usw. und so fort. Menschen konnten sich wieder beim Joggen angeekelt vor mir abwenden und es zog alles in mich ein (z.B. durfte meine Freundin mich nicht anfassen, wenn ich auf der Seite gelegen habe, nur auf dem Rücken oder Bauch). Alles Dinge, die in den Alltag und den eigenen Selbstwert übergehen.
Dann hatte ich einen längeren Klinikaufenthalt – nicht allein wegen ES – und eine gute Freundin, die mir FatAcceptance Literatur näher brachte. Und in diesem Sommer habe ich beschlossen, dass ich jetzt aufhöre: Ich höre auf, mein Essen immer zu kontrollieren. Ich höre auf, mich für meinen Körper zu schämen. Ich höre auf, zu denken, ich wäre dünner glücklicher – war ich ja schließlich nicht (denn mich selbst habe ich gehasst, während andere mich lobten – aber nicht für mich, sondern für etwas, das ich nicht war).
Ich fange an, diesen Körper zu lieben. Diesen Körper, den ich nie lieben durfte. Und mein Körper, das bin ich. Aus dem kann ich nicht raus. Wenn ich den nicht lieben darf, dann führt das dazu, dass ich mich nicht lieben darf.

Scham ist ein krasses Machtinstrument. Leute dazu zu bringen, dass sie sich schämen ist so ungeheuer gewaltsam. Das durfte ich dank Feminismus und verwandten Theorien lernen und beobachtend erkennen. Jetzt kann ich die Momente besser benennen, wenn mir Scham auferlegt wird, die mich fertig macht. Ich wurde getrimmt, mich für meinen Körper – für mich – zu schämen. Und ich durfte ihn nie lieben.
Das mit dem Essen klappt viel, bei weitem nicht immer – aber es wird! (Ich koche inzwischen sogar gerne!! Und das von alleine, nicht durch eine*n Ernährungsberater*in oder ähnliches…) Das mit der Scham klappt selten – das ist sehr, sehr umgebungsabhängig. Zu Hause klappt es. Es klappt, dass ich mich zu Hause schön fühle – und oh, ihr könnt euch nicht vorstellen, wie großartig das ist!!
Ich habe angefangen zu lernen, diesen Körper zu lieben.

Und dann habe ich von meinem Partner erfahren, dass er sehr viel gefragt wurde, ob er jetzt eher auf „Pummeligere“ stehen würde1. Und dass er das doch gar nicht nötig hätte … und – ich werde es nicht ausführen, es tut nur weh und reproduziert – ihr wisst, was ich meine. Meine Partnerin wurde gefragt, ob das nicht schwierig wäre mit dem Sex, mit „so verschiedenen Körpern“2. Nicht nur ich darf meinen Körper nicht lieben, nein, auch meine Partner*innen dürfen das nicht. Dieser Körper, so scheint es mir, darf nicht geliebt werden. Das sagt die Norm. Ich habe ohnehin schon immer Angst, dass sie mich verlassen, weil ich dick bin. Irrational, weiß ich, ist aber trotzdem so drin. Jetzt bekommen sie von außen „gezeigt“ wie „hässlich“ ich bin – wie sollen sie da ihr eigenes Bild bewahren?
Nachdem ich das erfahren habe, ging es mir erst einmal sehr schlecht. Es kam alles wieder hoch. All die Arbeit in mein Selbst erschien mir umsonst. Ich wollte doch einfach nur meinen Körper lieben dürfen. Ich dachte wieder daran, wie ich abnehmen könne und ob ich falsch esse – und dennoch, die Angst ist riesig, wieder in die ES richtig reinzugeraten (und ES ist bei mir sowohl nichts als auch alles essen). Denn dann bin ich nicht mehr. Letztlich hat die ES verdammt wenig mit meinem Aussehen, als meinem Wunsch „normal“ zu sein, zu tun; Anerkennung zu bekommen. Dann kann ich nicht mehr denken, ich kann nicht mehr arbeiten.. all das, was ich kann, ist weg. Das ist das Schlimmste an der ES für mich. Sie macht mich nicht „schlank und schön“, sie macht mich innerlich weg. Selbst Diäten führen dazu, dass ich nur darüber nachdenke und mich nicht mehr mit vollem Elan all dem Anderen widme, was so wichtig und schön ist, für mich und für Andere.

Aber diesmal hat es eine neue Wendung gegeben. Die Lösung lautet jetzt nicht mehr wie früher abzunehmen sondern mich insgesamt anzunehmen!
Ich habe Menschen um mich, die gegen Normierungen angehen, die gegen Fatshaming – und es gibt für mich keinen besseren Begriff für diese Gewalt, die dort passiert – vorgehen, die sich Gedanken machen. Menschen, die nicht wollen, dass ich mich schämen muss. Diesmal bin ich mit viel mehr Kraft und Mut versehen und werde in die nächste Runde gehen. Ich werde es mir nicht sagen lassen, dass ich meinen Körper nicht lieben darf, dass Menschen meinen Körper nicht lieben dürfen.
Auf dass ich mich irgendwann nicht mehr schäme, in meinem Körper zu leben. Ich habe bisher gegen ihn gekämpft – er und ich, wir haben was Besseres verdient! Wir werden nicht verschwinden!


Kommentar-Disclaimer: Erspart euch Kommentare, die mir erklären wollen, ab welchem Gewicht… Gesundheitsrisiken… sie werden von mir nicht freigeschaltet. Es gibt bei weitem genug Bereiche, wo ihr eure „Gesundheitstipps“ hinstellen könnt – ich kenne sie alle! Sie tun meinen Leser*innen weh, sie tun mir weh, sie tun unter so einem Blogeintrag nichts sinnvolles außer weiterem Fatshaming.

  1. Er hat mir das erzählt, weil es ihn selbst so wütend gemacht hat, und er meinte, dass das „Frauen“ mit dicken „Männern“ als Partnern vermutlich nicht passieren würde – Sexismus, the old friend.] [zurück]
  2. Spannend übrigens, sonst sind sie immer so erpicht darauf, dass unsere Körper ja „gleich“ seien, und sie sich das „schwierig“ vorstellen. [zurück]