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Hannah Arendt, der Film und der Antisemitismus

Kurze Gedanken vorm Schlafengehen:
Ich war eben in der Sneak und es lief der Hannah Arendt Film von von Trotta. Da ich den eh sehen wollte, habe ich mich still gefreut, dass ich ihn nun schon sehen konnte.

Und keine Angst, ich schreibe keine Spoiler, sondern nur was ums drum rum.
Nach der Vorstellung stand da eine Gruppe junger Männer draußen, die in etwa folgendes von sich gaben: „Voll gut, dass das endlich mal jemand richtig darstellt und deutlich zeigt. Also dieses ständige schwarz-weiß-Denken der Juden und von Israel und so. Und wie die Arendt versucht hat das aufzuzeigen.“
Ach so, ja klar. Hannah Arendt hat versucht aufzuzeigen, was „die Juden“ sind und wie sie denken.. nein, wenn ich eines nie so bei ihr gelesen habe, dann das. Und eigentlich kam das in dem Film auch nicht vor. Im Gegenteil, sie sagt im Film, dass sie kein Volk lieben könne und auch nicht „die Juden“, sondern nur ihre Freunde.
Wenn das das Ergebnis des Films bei Zuschauenden ist, dann finde ich das entsetzlich!

Dennoch sehe ich, dass der Film genau solche versteckten antisemitischen Ressentiments bedienen kann (wie jede Eichmann-Arendt-Schilderung befürchte ich). Und das stört mich massiv an ihm. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das wirklich dem Film vorwerfen kann, oder ob es an der Rezension liegt. Aber es scheint mir wieder keine Ambivalenz akzeptierende, nicht antisemitische Betrachtung der Eichmann-Kontroverse zu sein.
Von dem unsäglichen Rumromantisiere über Arendt und Heidegger ganz zu schweigen. Das hätte mensch auch anders portraitieren können als im klassischen Lovestory-Stil.
Mir sind die Charaktere insgesamt zu platt dargestellt und es fehlen Kontroversen, die zum Verständnis beigetragen hätten. Hier wurde auf der einen Seite heroisiert und auf der anderen abgewertet, war mein Gefühl.
Auf der anderen Seite bin ich mir nicht sicher, ob sich jede Denkerin und jeder philosophische Streit einfach so filmisch portraitieren lässt. Vielleicht bleibe ich dabei, dass das manchmal nicht geht.

Ich bin aber gespannt auf weitere Meinungen zum Film!

men in women clothes

The film „Paris is burning“ was reviewed back then as „the most disgusting ever“. What is going on? Men in womens dress.. are more disgusting than splatter and murder? This is scary. And if I look at the irritation my boy gets for his skirts, I see a need to say: still.

Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral

Ich war heute Abend in der Dreigroschenoper im Hamburger Schauspielhaus. Die Inszenierung hat mir gut gefallen muss ich sagen und die Darsteller_Innen waren richtig gut.

Allerdings fiel mir etwas ganz anderes schwer: in diesem prunken, schnieken Theater unter schnieken Leuten zu sitzen, die ihren Pelz an der Garderobe abgegeben haben um sich der Kultur hinzugeben. Brecht gehört ja zum guten Ton und einfach dazu.
Da stehen sie dann vorne am Bühnenrand und singen in eben diese Gesichter: „Das ist es Menschen nacktes Recht auf Erden… doch die Verhältnisse sie sind nicht so!“

Nicht, dass ich irgendwem absprechen möchte, Brecht zu sehen und hören – oh nein, alle sollten – doch was mich erschreckt ist die Kulturfrömmelei. Man hört sich die Dreigroschenoper an, und dann fährt man fröhlich beschwingt wieder nach Hause ohne nur einmal weiter über die Kritik nachdenken zu müssen. Zumindest unterstelle ich das.

Da wird im ganzen Saal gelacht und geschmunzelt, wenn es heißt „Ach Polly, was ist denn schlimmer? Eine Bank zu überfallen oder eine Bank zu gründen?“ und der Hunger, der blanke Hunger, überhöhrt.

Schön umgesetzt war die Eifersuchtsszene, die mir als poly-Mensch ja ohnehin gefällt:
„Ich habe dich so lieb, ich hätte es fast lieber dich gehängt zu sehen, als in den Armen einer Anderen.“

Mackie singt „Wenn die Not am Höchsten, ist die Rettung am Nächsten“ und ich musste an Hölderlin denken: „Wo aber Gefahr ist wächst das Rettende auch.“ Ach ja, hätte Hölderlin gewusst, was mit seiner Poesie noch passieren wird und Brecht gewusst, wie seine Stücke aufgenommen werden, hätten sie sich dann überhaupt noch getraut, oder hätten sie ebenso resigniert?
Ich bin ein wenig resigniert heute abend. Was sich geändert hat seit 1928 frage ich mich und bin mir noch nicht sicher, ob ich die Antworten finde und wenn, ob ich sie mag.