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Representation of nonmonogamy matters

Das war eine Tweetkette von mir gestern, aber da mein Account vorerst weiter protected bleiben wird, poste ich sie hier nochmal, denn der Blog ist ja öffentlich und hier können das dann auch andere lesen, die mir nicht auf twitter folgen.

Es mag euch ganz ganz gering erscheinen, aber ich bin so unglaublich froh über all die Artikel über non-monogame Menschen.
Als Teenie habe ich mich in zwei Menschen zugleich verliebt, mit Leuten darüber geredet. Es war allen klar „Du musst dich entscheiden.“
Der*die Verlassene wird schlimm verletzt werden. Wer auch schlimm verletzt wurde, war ich: auch ich hatte ja eine Liebe verloren.
Die war nämlich nicht weg mit der neuen. Ich habe gedacht, ich bin ‚krank‘, widerlich, ‚gestört‘ (ich benutze diese Wörter absichtlich, denn das waren negative Wertungen für mich damals und das Stigma hängt ihnen an).
Ich habe irgendwann auch gedacht, ’so‘ keine Existenzberechtigung zu haben. Oder nie glücklich zu werden.
Über BDSM hatte ich positiv in der Zeitung gelesen – das hat geholfen, mich weniger ‚widerlich‘ zu fühlen. Über poly erst sehr viel später.
Ich bin jetzt – in Anbetracht all derer, die jetzt da sind, wo ich damals war – sehr dankbar für wirklich jeden Artikel. Er macht sichtbar.
Und das sage ich nun, nachdem ich jetzt über 6 Jahre in Mehrfachbeziehungen lebe. Glücklich. Damn glücklich. Nicht immer – aber sagt mir mal, welche Beziehung immer immer glücklich ist :-)

Ergänzung: das ist nur ein Beispiel für Repräsentation, andere Menschen haben andere Bereiche. Für alle gilt – representation matters!

You crossed my borderline – ein Rant

Content: Es geht um meine persönliche Wut um den Umgang mit Menschen „mit“ „Borderline“, den ich bei manchen Menschen in meinem Umfeld, erlebe. Dabei berühre ich v.a. die Themen Diagnostizierung, Stigmatisierung von psychischen Gegebenheiten, Alltagsdiskriminierung. Der Text enthält zudem einige zynische Ausdrucksformen.


Ich schreibe hier nur ganz persönlich über meine Erfahrungen mit meiner Diagnose. Mir ist bewusst, dass es mit ganz vielen psychischen Diagnosen ähnlich geht. Die Diskriminierungserfahrungen haben leider fast alle Menschen, die psychiatrisch diagnostiziert wurden in Deutschland gemein.

Vor einiger Zeit hörte ich einen Vortrag an der Uni über eine sehr spannende, ambivalente Frau. Die Person, die den Vortrag hielt, meinte sie habe einen anderen Begriff im Titel gewählt, um nicht „Border“ zu sagen, da dabei sofort die Assoziation zu „Borderline“ zutage käme. Ich fragte nach, warum diese Assoziation so problematisch sei. Die Antwort war, dass die beschriebene Frau und ihr Denken dann nicht mehr ernst genommen würde, sondern in den Köpfen der Zuhörenden nur noch die Diagnose wabere und sie dann sicher für wankend und nicht intelligent gehalten würde. Das stimmt leider meist. Aber: guess what – that’s my life. Ziemlich oft, zumindest – dann, wenn Menschen um meine Diagnose wissen. Und dagegen hilft es nicht, nicht darüber zu reden. Dagegen hilft nur, wenn wir anfangen zu lernen und zu verstehen, dass Menschen mit Borderline-Diagnose1 genauso intelligent oder dumm wie andere sein können. Dass sie durchaus in der Lage sein können, sich selbst zu reflektieren und über sich und ihre Emotionen und Gedanken bewusst zu sein. Dass sie nicht nur großartige Künstler_innen, sondern auch großartige Wissenschaftler_innen, großartige Malermeister_innen, großartige Ingeneur_innen, großartige Programmier_innen, aber auch tolle Mütter, Väter, Paten, Geschwister, Freund_innen, Partner_innen usw. sein können. Borderliner_innen (ich benutze diesen Term, weil ich ihn auch für mich selber empowernd benutze) haben Stärken und Schwächen, wie Andere auch – ihr wisst sie nicht, bevor ihr nicht die Person kennt.
Was wisst „ihr“ überhaupt über Borderline? Bitte einmal ganz ehrlich sein. Vermutlich – bis auf die, die sich schon einmal damit beschäftigt haben – verdammt wenig2.
Und wie mit allem, wo Menschen verdammt wenig wissen, kommt es oft zu verdammt vielen Vorurteilen. (Wenn Menschen „einfach“ fragen würden, was das für mich heißt, wär es mir nämlich schnurzpiepe, dass sie wenig wissen.)

Wenn ich wütend werde, weil meine Grenzen überschritten wurde, dann gelte ich nicht nur als hysterisch und zickig – ganz schlimme misogyne Abwertungsmuster – nein, sondern es ist auch noch ganz typisch. Ganz typisch Bordi. Wenn ich wütend werde dann möchte ich als Subjekt wahrgenommen werden. Ich möchte nicht, dass mein Gegenüber bereits weiß, was typisch Bordi ist. Wenn etwas (Gefühl, Verhalten) typisch Bordi (und zwar mein Bordi – das ganz anders ist, als das Bordi einer Freundin) ist, dann merke ich das später meist sogar und kann mich dafür entschuldigen, sollte ich mit meinem Verhalten wen verletzt haben. Das habe ich lange lernen müssen, weil die Verhaltensmuster nunmal lange etabliert sind – aber es heißt nicht, dass es nicht grundsätzlich lernbar ist! (Auch hier wieder nicht für jede_n und nicht immer, aber auch nicht grundsätzlich nicht.)
Und es heißt schonmal gar nicht, dass ein Nicht-Bordi beurteilen kann, wann meine Gefühle berechtigt sind und wann ich „mich anstelle“. Meine Gefühle stehen nämlich nicht zur Bewertung frei – so einfach. Meine Handlungen möchte ich derart bewertet bekommen wie Andere auch bewertet, nicht unter Hinzunahme von scheinbarem Wissen über mich. Darunter fällt, dass ich mich auch mal, wie Andere, total daneben und mal total nett verhalte – das heißt nicht, dass auf allem der Verdacht liegen sollte, dass mein Verhalten mit Sicherheit manipulativ oder grundsätzlich nicht ernst gemeinst sein kann, weil ich ja Bordi bin.
Der Zusammenhang mit „hysterisch“ kommt übrigens nicht von ungefähr, da Borderline lange Zeit hauptsächlich bei „Frauen“ diagnostiziert wurde und einen engen Zusammenhang zu der von Freud beschriebenen „Hysterie“ aufweist. (Ich weiß da gerade nicht mehr zu, über Lesehinweise bin ich dankbar). Eine Borderline-Diagnose kann zusätzlich noch einmal massiv misogyne Abwertungen mit sich bringen (ihr wisst schon „emotional-instabil“ und so..)
Wenn ich bei eine*r Ärztin_eine*m Arzt bin und eine Überweisung brauche und darum bitte, nicht die Diagnose drauf zu schreiben, begegnet mir oft Überraschung. „Haben Sie da so schlechte Stigmatisierungserfahrungen mit gemacht?“… nö, gar nicht.. Sie haben mir nur eben erklärt, jetzt, wo Sie wüssten, welche Krankheit ich habe, müssten Sie mich natürlich erst einmal auf frische Wunden untersuchen und es war Ihnen ziemlich egal, was ich dazu gesagt habe… aber Stigmatisierung? Nein, eigentlich wissen alle Leute ziemlich gut Bescheid und verhalten sich unauffällig…
Die Diskriminierung hört aber nicht im individuellen Bereich auf, sie ist auch auf weitere Bereiche ausdehnbar (wie gesagt, wie für einige psych. Diagnosen!): Menschen mit bestimmten Diagnosen wird der Zugang zu vielen Berufsfeldern versperrt, wenn die Diagnose bekannt ist. Statt dass an der einzelnen Person geprüft wird, ob sie*er für diesen Beruf fähig ist…
Eine gute Freundin von mir hatte total Angst, als sie die Diagnose „Borderline“ bei ihrer Schwester vermutete, da sie diese „eigentlich für recht intelligent und gar nicht so emotional“ hielt…
… da kommt der Zusammenhang übrigens erneut: emotional und rational werden als gegenüberliegend konstruiert – zumeist auch gegendert konstruiert – und dann wird simplifiziert das eine mit Intelligenz zusammen gedacht und das Andere nicht. Das alte Spiel.

Dabei hatte ich mich mal sehr über die Diagnose gefreut. Damals, als ich endlich erfuhr, „was los ist mit mir“. Als ich massenhaft Bücher zum Thema verschlang, mich verstanden fühlte, mich wiederfand. Es gab mich und mein Denken. Es gab mehrere davon. Es gab sogar Wege, wie die DBT3, mit deren Hilfe ich ein freudiges, selbstbestimmtes Leben führen kann.

Solange es aber nicht aufhört, dass Menschen mich weniger Ernst nehmen und mich für dumm halten, nur weil sie meine Diagnose kennen – statt dass sie mich für dumm halten, weil sie mit mir geredet haben – solange werde ich damit hinterm Berg halten.
Solange finde ich Ausreden und andere Begriffe, warum ich wann wo war, statt einfach zu sagen „bei meiner Therapeutin“, weil daraufhin die Frage nach der Diagnose folgen würde.
Solange sage ich, wenn ich denn eine Diagnose sagen muss, meine andere Diagnose „PTBS“ (Posttraumatische Belastungsstörung; engl. PTSD – Posttraumatic Stress Disorder) – weil sie aus entmündigenden Gründen anerkannter ist: Da ist einem wirklich was passiert, da kann man ja nichts für, das ist ja schrecklich. Ist es auch – ohne Frage. Aber nicht weniger oder mehr schrecklich als andere Leidenswege, sondern ganz individuell schrecklich – oder auch nur schrecklich, weil die Gesellschaft nicht mit individuellen Menschen umgehen will (denn noch lange nicht alle Menschen, die mit irgendwas aus dem DSM4 diagnostiziert wurden leiden da auch von sich selbst drunter – sollte bekannt sein). Warum hier die Intelligenz nicht in Frage gestellt wird? Ich kann nur vermuten. Es hat in meiner Vermutung was mit Rationalität und Emotionalität zu tun…

  1. Dabei ist es ganz verschieden, ob diese Menschen, sich als „Menschen mit Borderline“ oder Menschen, die so diagnostiziert wurden, aber diese Diagnose nicht annehmen, handelt. Es gibt viele Nuancen. [zurück]
  2. Was auch verständlich ist, weil ja verdammt wenig darüber veröffentlicht ist – und weil Borderline, wie alle Persönlichkeitsausprägungen, nunmal so vielschichtig ist, wie Borderliner_innen selbst und bei weitem nicht fertig beschrieben ist, wenn eins die Diagnosekriterien abgerattert hat. [zurück]
  3. Dialektisch-Behavoriale-Therapie: Eine Therapieform, die heute hauptsächlich für die Verhaltenstherapie mit Borderlinepatient_innen eingesetzt wird und von Marsha Linehan begründet wurde. Mir hat die DBT sehr viel geholfen, da sie darauf abzielt, mir zu verhelfen wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen und langfristig auf eine Unabhängigkeit von Therapien ausgerichtet ist. [zurück]
  4. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorder – wird zur Diagnostizierung verwendet. Durchaus fragwürdiges Manual, eine Beschäftigung damit lohnt sich leider.. [zurück]

Die Scham einen Körper zu haben, der nicht unsichtbar ist

Disclaimer/Triggerwarnung: Es geht um Dicksein, um Essstörungen, um Selbstverletzung und Hass gegenüber dem eigenen Körper. Da es mir gut tut, diese Begriffe anzueignen, rede ich (auch im folgenden Text) von mir als dick und/oder als fett. Ich sage Diäten, auch wenn mitunter sogenannte „Ernährungsumstellungen“, gemeint sind. Dieser Begriff ist in den meisten Fällen ein verherrlichender Begriff für lebenslange Diät.

Steinmädchen hat demletzt einen ganz tollen Text zu Essstörungen und deren Normativierungen und Stigmatisierungen geschrieben.

Ich möchte nun mal einfach ein paar persönliche Erfahrungen und Gedanken aufschreiben. Weil ich lerne und merke, dass es wichtig ist, dass Geschichten von von Fatshaming betroffenen Menschen (da spielt es meiner Erfahrung nach übrigens kaum eine Rolle, ob und wie sie Dick sind und sich nennen!) und das Leid öffentlich und erfahrbar werden. Um die Scham zu verringern. Denn genau darum geht es, um Scham. Ich sollte mich schämen, statt hier öffentlich im Internet einen Text über meinen Körper und mein Essverhalten zu schreiben. Ich sollte mich für meinen Körper schämen. Ich sollte mich dafür schämen, wie ich esse, wann ich esse, was ich esse, wieviel ich esse, warum ich esse. Weil man ja „weiß“, dass ich deswegen dick bin.

Zumindest wurden mir diese Scham-Anlässe seit frühester Kindheit beigebracht.
Mit 6 – ausgeschrieben sechs Jahren – hat der erste Arzt festgestellt, dass ich „zu dick“ sei. Er hat meine Mutter fertig gemacht, dass sie mich falsch ernähre, ohne sie zu fragen, wie sie mich ernähre. Da fing es schon an. Nicht nur ich sollte mich für diesen Körper schämen, auch meine Mutter sollte sich mit schämen. Ich machte meine erste Diät. Es „half“, ein paar Wochen. Dann war wieder alles da. Die nächste Diät.. die Story kennt man ja. Mit sechs fand ich Diäten noch nicht toll, das Ziel war (noch) nicht, dass ich dünner sein wollte – ich wollte aber doch sehr, dass meine Mutter sich freut und stolz auf mich sein kann. Ich fand es nur beschissen, dass ich nicht mehr essen konnte, worauf ich Lust hatte (und nein, das war nicht immer Schokolade und Süßes!), sondern alles reglementiert war, alle meine Freund*innen aber alles essen durften. Ich wurde neidisch und begann mich „anders“ zu fühlen. Ich begann heimlich zu essen. Damals noch ohne Erbrechen. Die Diäten halfen nichts. Ich schämte mich dafür, dass ich „versagte“ und dafür, dass ich überhaupt aß. Der Arzt wurde mürrischer, machte meine Mutter immer mehr fertig, wir haben nach jedem Besuch beide geweint. Ich war „pummelig“ (so nannten viele es nett (ich fand das nie nett) im Kindheitsalter), aber ich konnte rennen, radfahren, schwimmen, spielen – ich fühlte mich subjektiv sehr gesund.

Dann begannen die ersten Verbalattacken in der Schule. Besonders Schwimmen machte keinen Spaß mehr – ich wollte nicht, dass mich jemand sieht. Ich täuschte sehr erfolgreich eine allergische Reaktion auf Chlor vor. Nur, um nicht von meinen Mitschüler*innen und Lehrer*innen im Badeanzug gesehen zu werden und damit eine Angriffsfläche zu bieten. Ich holte mir Atteste für den Sportunterricht. Obwohl mir Sport eigentlich Spaß machte, aber der Erniedrigung aus dem Weg gehen wollte.
Mit dem Wechsel auf die weiterführende Schule begann die Idee, dass es mir viel besser ginge, dass ich viel attraktiver sei, dass alle mich mehr lieb haben würden, wenn ich dünner wäre. Und ich wurde dünn – zu dünn. Anfangs bekam ich ständig Komplimente – das stachelte total an. Alle waren stolz auf mich und bewunderten mich. Meine Mutter lächelte und freute sich. Ich konnte machen, dass mich alle lieben. Aber ich mich nicht. Ich habe mich selbst am Meisten gehasst in dieser Zeit. Und ich habe mich geschämt. Ich habe mich geschämt, wenn ich einen Apfel essen wollte. Ich habe mich geschämt, wenn ich Gefressen habe bis zum Erbrechen (RW), im wahrsten Sinne des Wortes. Ich konnte nichts mehr. Nur noch „nicht essen“. Dann waren „plötzlich“ alle nicht mehr Stolz und boten mir Hilfe an. Das war einer der krassen Unterschiede zu heute, sie boten mir Hilfe an – ich dachte, sie sähen mein Leid. Erst viel später musste ich begreifen, dass sie es auch da nicht sahen und verstanden. Ich machte „Therapie“, ich wurde wieder dicker, ich wurde dick. Ich fing an mich selbst zu verletzen, ich wollte diesen Körper loswerden.
Essen war immer ein Horrorspiel. Essen mit Anderen war und ist ein innerer Kampf. Ich konnte schon immer gut nach außen spielen, dass und ob alles super in Ordnung ist und innerlich zerreißen. Und ich spielte und niemand bekam es mit. Die Menschen sahen meinen Körper und sie konnten wieder Dinge sagen, wie „Na, dir scheint’s aber gut zu gehen.“ „Ich mache jetzt eine Ernährungsumstellung, wenn du Lust hast mitzumachen…“ usw. und so fort. Menschen konnten sich wieder beim Joggen angeekelt vor mir abwenden und es zog alles in mich ein (z.B. durfte meine Freundin mich nicht anfassen, wenn ich auf der Seite gelegen habe, nur auf dem Rücken oder Bauch). Alles Dinge, die in den Alltag und den eigenen Selbstwert übergehen.
Dann hatte ich einen längeren Klinikaufenthalt – nicht allein wegen ES – und eine gute Freundin, die mir FatAcceptance Literatur näher brachte. Und in diesem Sommer habe ich beschlossen, dass ich jetzt aufhöre: Ich höre auf, mein Essen immer zu kontrollieren. Ich höre auf, mich für meinen Körper zu schämen. Ich höre auf, zu denken, ich wäre dünner glücklicher – war ich ja schließlich nicht (denn mich selbst habe ich gehasst, während andere mich lobten – aber nicht für mich, sondern für etwas, das ich nicht war).
Ich fange an, diesen Körper zu lieben. Diesen Körper, den ich nie lieben durfte. Und mein Körper, das bin ich. Aus dem kann ich nicht raus. Wenn ich den nicht lieben darf, dann führt das dazu, dass ich mich nicht lieben darf.

Scham ist ein krasses Machtinstrument. Leute dazu zu bringen, dass sie sich schämen ist so ungeheuer gewaltsam. Das durfte ich dank Feminismus und verwandten Theorien lernen und beobachtend erkennen. Jetzt kann ich die Momente besser benennen, wenn mir Scham auferlegt wird, die mich fertig macht. Ich wurde getrimmt, mich für meinen Körper – für mich – zu schämen. Und ich durfte ihn nie lieben.
Das mit dem Essen klappt viel, bei weitem nicht immer – aber es wird! (Ich koche inzwischen sogar gerne!! Und das von alleine, nicht durch eine*n Ernährungsberater*in oder ähnliches…) Das mit der Scham klappt selten – das ist sehr, sehr umgebungsabhängig. Zu Hause klappt es. Es klappt, dass ich mich zu Hause schön fühle – und oh, ihr könnt euch nicht vorstellen, wie großartig das ist!!
Ich habe angefangen zu lernen, diesen Körper zu lieben.

Und dann habe ich von meinem Partner erfahren, dass er sehr viel gefragt wurde, ob er jetzt eher auf „Pummeligere“ stehen würde1. Und dass er das doch gar nicht nötig hätte … und – ich werde es nicht ausführen, es tut nur weh und reproduziert – ihr wisst, was ich meine. Meine Partnerin wurde gefragt, ob das nicht schwierig wäre mit dem Sex, mit „so verschiedenen Körpern“2. Nicht nur ich darf meinen Körper nicht lieben, nein, auch meine Partner*innen dürfen das nicht. Dieser Körper, so scheint es mir, darf nicht geliebt werden. Das sagt die Norm. Ich habe ohnehin schon immer Angst, dass sie mich verlassen, weil ich dick bin. Irrational, weiß ich, ist aber trotzdem so drin. Jetzt bekommen sie von außen „gezeigt“ wie „hässlich“ ich bin – wie sollen sie da ihr eigenes Bild bewahren?
Nachdem ich das erfahren habe, ging es mir erst einmal sehr schlecht. Es kam alles wieder hoch. All die Arbeit in mein Selbst erschien mir umsonst. Ich wollte doch einfach nur meinen Körper lieben dürfen. Ich dachte wieder daran, wie ich abnehmen könne und ob ich falsch esse – und dennoch, die Angst ist riesig, wieder in die ES richtig reinzugeraten (und ES ist bei mir sowohl nichts als auch alles essen). Denn dann bin ich nicht mehr. Letztlich hat die ES verdammt wenig mit meinem Aussehen, als meinem Wunsch „normal“ zu sein, zu tun; Anerkennung zu bekommen. Dann kann ich nicht mehr denken, ich kann nicht mehr arbeiten.. all das, was ich kann, ist weg. Das ist das Schlimmste an der ES für mich. Sie macht mich nicht „schlank und schön“, sie macht mich innerlich weg. Selbst Diäten führen dazu, dass ich nur darüber nachdenke und mich nicht mehr mit vollem Elan all dem Anderen widme, was so wichtig und schön ist, für mich und für Andere.

Aber diesmal hat es eine neue Wendung gegeben. Die Lösung lautet jetzt nicht mehr wie früher abzunehmen sondern mich insgesamt anzunehmen!
Ich habe Menschen um mich, die gegen Normierungen angehen, die gegen Fatshaming – und es gibt für mich keinen besseren Begriff für diese Gewalt, die dort passiert – vorgehen, die sich Gedanken machen. Menschen, die nicht wollen, dass ich mich schämen muss. Diesmal bin ich mit viel mehr Kraft und Mut versehen und werde in die nächste Runde gehen. Ich werde es mir nicht sagen lassen, dass ich meinen Körper nicht lieben darf, dass Menschen meinen Körper nicht lieben dürfen.
Auf dass ich mich irgendwann nicht mehr schäme, in meinem Körper zu leben. Ich habe bisher gegen ihn gekämpft – er und ich, wir haben was Besseres verdient! Wir werden nicht verschwinden!


Kommentar-Disclaimer: Erspart euch Kommentare, die mir erklären wollen, ab welchem Gewicht… Gesundheitsrisiken… sie werden von mir nicht freigeschaltet. Es gibt bei weitem genug Bereiche, wo ihr eure „Gesundheitstipps“ hinstellen könnt – ich kenne sie alle! Sie tun meinen Leser*innen weh, sie tun mir weh, sie tun unter so einem Blogeintrag nichts sinnvolles außer weiterem Fatshaming.

  1. Er hat mir das erzählt, weil es ihn selbst so wütend gemacht hat, und er meinte, dass das „Frauen“ mit dicken „Männern“ als Partnern vermutlich nicht passieren würde – Sexismus, the old friend.] [zurück]
  2. Spannend übrigens, sonst sind sie immer so erpicht darauf, dass unsere Körper ja „gleich“ seien, und sie sich das „schwierig“ vorstellen. [zurück]