You crossed my borderline – ein Rant

Content: Es geht um meine persönliche Wut um den Umgang mit Menschen „mit“ „Borderline“, den ich bei manchen Menschen in meinem Umfeld, erlebe. Dabei berühre ich v.a. die Themen Diagnostizierung, Stigmatisierung von psychischen Gegebenheiten, Alltagsdiskriminierung. Der Text enthält zudem einige zynische Ausdrucksformen.


Ich schreibe hier nur ganz persönlich über meine Erfahrungen mit meiner Diagnose. Mir ist bewusst, dass es mit ganz vielen psychischen Diagnosen ähnlich geht. Die Diskriminierungserfahrungen haben leider fast alle Menschen, die psychiatrisch diagnostiziert wurden in Deutschland gemein.

Vor einiger Zeit hörte ich einen Vortrag an der Uni über eine sehr spannende, ambivalente Frau. Die Person, die den Vortrag hielt, meinte sie habe einen anderen Begriff im Titel gewählt, um nicht „Border“ zu sagen, da dabei sofort die Assoziation zu „Borderline“ zutage käme. Ich fragte nach, warum diese Assoziation so problematisch sei. Die Antwort war, dass die beschriebene Frau und ihr Denken dann nicht mehr ernst genommen würde, sondern in den Köpfen der Zuhörenden nur noch die Diagnose wabere und sie dann sicher für wankend und nicht intelligent gehalten würde. Das stimmt leider meist. Aber: guess what – that’s my life. Ziemlich oft, zumindest – dann, wenn Menschen um meine Diagnose wissen. Und dagegen hilft es nicht, nicht darüber zu reden. Dagegen hilft nur, wenn wir anfangen zu lernen und zu verstehen, dass Menschen mit Borderline-Diagnose1 genauso intelligent oder dumm wie andere sein können. Dass sie durchaus in der Lage sein können, sich selbst zu reflektieren und über sich und ihre Emotionen und Gedanken bewusst zu sein. Dass sie nicht nur großartige Künstler_innen, sondern auch großartige Wissenschaftler_innen, großartige Malermeister_innen, großartige Ingeneur_innen, großartige Programmier_innen, aber auch tolle Mütter, Väter, Paten, Geschwister, Freund_innen, Partner_innen usw. sein können. Borderliner_innen (ich benutze diesen Term, weil ich ihn auch für mich selber empowernd benutze) haben Stärken und Schwächen, wie Andere auch – ihr wisst sie nicht, bevor ihr nicht die Person kennt.
Was wisst „ihr“ überhaupt über Borderline? Bitte einmal ganz ehrlich sein. Vermutlich – bis auf die, die sich schon einmal damit beschäftigt haben – verdammt wenig2.
Und wie mit allem, wo Menschen verdammt wenig wissen, kommt es oft zu verdammt vielen Vorurteilen. (Wenn Menschen „einfach“ fragen würden, was das für mich heißt, wär es mir nämlich schnurzpiepe, dass sie wenig wissen.)

Wenn ich wütend werde, weil meine Grenzen überschritten wurde, dann gelte ich nicht nur als hysterisch und zickig – ganz schlimme misogyne Abwertungsmuster – nein, sondern es ist auch noch ganz typisch. Ganz typisch Bordi. Wenn ich wütend werde dann möchte ich als Subjekt wahrgenommen werden. Ich möchte nicht, dass mein Gegenüber bereits weiß, was typisch Bordi ist. Wenn etwas (Gefühl, Verhalten) typisch Bordi (und zwar mein Bordi – das ganz anders ist, als das Bordi einer Freundin) ist, dann merke ich das später meist sogar und kann mich dafür entschuldigen, sollte ich mit meinem Verhalten wen verletzt haben. Das habe ich lange lernen müssen, weil die Verhaltensmuster nunmal lange etabliert sind – aber es heißt nicht, dass es nicht grundsätzlich lernbar ist! (Auch hier wieder nicht für jede_n und nicht immer, aber auch nicht grundsätzlich nicht.)
Und es heißt schonmal gar nicht, dass ein Nicht-Bordi beurteilen kann, wann meine Gefühle berechtigt sind und wann ich „mich anstelle“. Meine Gefühle stehen nämlich nicht zur Bewertung frei – so einfach. Meine Handlungen möchte ich derart bewertet bekommen wie Andere auch bewertet, nicht unter Hinzunahme von scheinbarem Wissen über mich. Darunter fällt, dass ich mich auch mal, wie Andere, total daneben und mal total nett verhalte – das heißt nicht, dass auf allem der Verdacht liegen sollte, dass mein Verhalten mit Sicherheit manipulativ oder grundsätzlich nicht ernst gemeinst sein kann, weil ich ja Bordi bin.
Der Zusammenhang mit „hysterisch“ kommt übrigens nicht von ungefähr, da Borderline lange Zeit hauptsächlich bei „Frauen“ diagnostiziert wurde und einen engen Zusammenhang zu der von Freud beschriebenen „Hysterie“ aufweist. (Ich weiß da gerade nicht mehr zu, über Lesehinweise bin ich dankbar). Eine Borderline-Diagnose kann zusätzlich noch einmal massiv misogyne Abwertungen mit sich bringen (ihr wisst schon „emotional-instabil“ und so..)
Wenn ich bei eine*r Ärztin_eine*m Arzt bin und eine Überweisung brauche und darum bitte, nicht die Diagnose drauf zu schreiben, begegnet mir oft Überraschung. „Haben Sie da so schlechte Stigmatisierungserfahrungen mit gemacht?“… nö, gar nicht.. Sie haben mir nur eben erklärt, jetzt, wo Sie wüssten, welche Krankheit ich habe, müssten Sie mich natürlich erst einmal auf frische Wunden untersuchen und es war Ihnen ziemlich egal, was ich dazu gesagt habe… aber Stigmatisierung? Nein, eigentlich wissen alle Leute ziemlich gut Bescheid und verhalten sich unauffällig…
Die Diskriminierung hört aber nicht im individuellen Bereich auf, sie ist auch auf weitere Bereiche ausdehnbar (wie gesagt, wie für einige psych. Diagnosen!): Menschen mit bestimmten Diagnosen wird der Zugang zu vielen Berufsfeldern versperrt, wenn die Diagnose bekannt ist. Statt dass an der einzelnen Person geprüft wird, ob sie*er für diesen Beruf fähig ist…
Eine gute Freundin von mir hatte total Angst, als sie die Diagnose „Borderline“ bei ihrer Schwester vermutete, da sie diese „eigentlich für recht intelligent und gar nicht so emotional“ hielt…
… da kommt der Zusammenhang übrigens erneut: emotional und rational werden als gegenüberliegend konstruiert – zumeist auch gegendert konstruiert – und dann wird simplifiziert das eine mit Intelligenz zusammen gedacht und das Andere nicht. Das alte Spiel.

Dabei hatte ich mich mal sehr über die Diagnose gefreut. Damals, als ich endlich erfuhr, „was los ist mit mir“. Als ich massenhaft Bücher zum Thema verschlang, mich verstanden fühlte, mich wiederfand. Es gab mich und mein Denken. Es gab mehrere davon. Es gab sogar Wege, wie die DBT3, mit deren Hilfe ich ein freudiges, selbstbestimmtes Leben führen kann.

Solange es aber nicht aufhört, dass Menschen mich weniger Ernst nehmen und mich für dumm halten, nur weil sie meine Diagnose kennen – statt dass sie mich für dumm halten, weil sie mit mir geredet haben – solange werde ich damit hinterm Berg halten.
Solange finde ich Ausreden und andere Begriffe, warum ich wann wo war, statt einfach zu sagen „bei meiner Therapeutin“, weil daraufhin die Frage nach der Diagnose folgen würde.
Solange sage ich, wenn ich denn eine Diagnose sagen muss, meine andere Diagnose „PTBS“ (Posttraumatische Belastungsstörung; engl. PTSD – Posttraumatic Stress Disorder) – weil sie aus entmündigenden Gründen anerkannter ist: Da ist einem wirklich was passiert, da kann man ja nichts für, das ist ja schrecklich. Ist es auch – ohne Frage. Aber nicht weniger oder mehr schrecklich als andere Leidenswege, sondern ganz individuell schrecklich – oder auch nur schrecklich, weil die Gesellschaft nicht mit individuellen Menschen umgehen will (denn noch lange nicht alle Menschen, die mit irgendwas aus dem DSM4 diagnostiziert wurden leiden da auch von sich selbst drunter – sollte bekannt sein). Warum hier die Intelligenz nicht in Frage gestellt wird? Ich kann nur vermuten. Es hat in meiner Vermutung was mit Rationalität und Emotionalität zu tun…

  1. Dabei ist es ganz verschieden, ob diese Menschen, sich als „Menschen mit Borderline“ oder Menschen, die so diagnostiziert wurden, aber diese Diagnose nicht annehmen, handelt. Es gibt viele Nuancen. [zurück]
  2. Was auch verständlich ist, weil ja verdammt wenig darüber veröffentlicht ist – und weil Borderline, wie alle Persönlichkeitsausprägungen, nunmal so vielschichtig ist, wie Borderliner_innen selbst und bei weitem nicht fertig beschrieben ist, wenn eins die Diagnosekriterien abgerattert hat. [zurück]
  3. Dialektisch-Behavoriale-Therapie: Eine Therapieform, die heute hauptsächlich für die Verhaltenstherapie mit Borderlinepatient_innen eingesetzt wird und von Marsha Linehan begründet wurde. Mir hat die DBT sehr viel geholfen, da sie darauf abzielt, mir zu verhelfen wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen und langfristig auf eine Unabhängigkeit von Therapien ausgerichtet ist. [zurück]
  4. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorder – wird zur Diagnostizierung verwendet. Durchaus fragwürdiges Manual, eine Beschäftigung damit lohnt sich leider.. [zurück]

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