„Der Patient kann die Notwendigkeit der ärztlichen Maßnahme nicht erkennen.“

----Triggerwarnung: Der folgende Text enthält die Erwähnung von Suizidgedanken und Schilderungen psychiatrischer Gewalt ----

Während ich das schreibe tropfen Tränen auf die Tastatur. Weil ich so wütend bin, so traurig und so hilflos. Darüber. Darüber, dass abgestimmt wird, dass man Patient_innen ab nun wieder „einfach so entmündigen darf“ (klar, darf man nicht einfach so… aber die Sätze sind doch sehr beliebig auslegbar), wenn man ein Medizinstudium hinter sich gebracht hat.
Darüber, dass meine Sicht, meine Ängste, meine Sehnsüchte, meine Gefühle wohl alle nichts taugen und nicht ernst zu nehmen sind (das gilt natürlich für alle Betroffenen, nicht nur für mich). Denn es fällt mir schwer, das anders zu interpretieren.

Ich erinnere mich mit Bedrückung an eine Situation vor zwei Jahren. Da ging es mir seit Wochen ziemlich bescheiden und immer bescheidener. Irgendwann fing es wieder an, dass ich Selbstmord als die beste Lösung ansah. Ich kenne das von mir. Irgendwann kann ich mich dann nicht mehr davon distanzieren. Aber ich weiß oft noch einen Moment vorher, dass ich eigentlich leben will und dass ich jetzt nur nicht mehr fühlen kann, wie sich leben anfühlt.

Dann kann ich gerade noch zu wem gehen und sagen, dass „ich mich nicht mehr von meinen Suizidgedanken distanzieren kann“. Mit diesem Satz gehe ich MEGA Vorsichtig um. Den sage ich nur, wenn ich das ganz ernst meine. Denn ich habe den Wenigen, gegenüber denen ich das äußern würde, gesagt, dass dann dringend Intervention und Hilfe nötig ist und ich nicht mehr alleine sein sollte. Ich habe ihnen auch gesagt, dass sie sich professionelle Hilfe holen können/sollen, wenn sie das überfordert oder sie Angst haben. Ich kenne das von mir – suizidale Krisen. Die sind mega heftig, aber sie dauern meistens nur ein paar Tage. So im Schnitt drei Tage. Dann kommt so ein Funken Hoffnung. Und wenn ich dann echte Hilfe bekomme, dann kann ich die Depression und den Selbstverletzungsdrang, die Anspannung angehen.
Ja, vor zwei Jahren bin ich (mal wieder) zu einer Freundin gegangen und habe das gesagt. Und sie war überfordert und ist mit mir in die nächste zuständige Psychiatrie gefahren. Schon dort hatte sie ein mega schlechtes Gefühl, das habe ich gemerkt (und sie hat es mir hinterher erzählt), aber sie hat sich zusammengerissen, zu vertrauen. Bis heute sagt sie, dass das ein großer Fehler war.

Als ich dann dort war, war ich allein. Die Mitpatient_innen waren weggebeamt worden (war mein Gefühl, ich kam nicht in Kontakt, will aber auch nicht bösartig jemanden bevormunden, falls es anders war). Und ich saß da allein und weinte. Wenn der Pfleger ins Zimmer kam und sah, dass ich weinte, da fragte er nicht, wie es mir geht, oder ob er mir helfen kann oder ähnliches. Nein, er fragte, ob ich „Tavor“ wolle. Nein, ich wollte kein Tavor, ich wollte Menschen, die mir zuhören. Die mich weinen und erzählen lassen. Die mich vom Schwarz erzählen lassen, damit ich das Bunte dahinter wieder erkennen kann. Ich habe bei diesem „Aufenthalt“ keine Zwangsmedikamentierung bekommen, zum Glück! [Ich erinnere mich nur mit Kribbeln und Übelkeit an früher, als ich noch Jugendliche war und an Spritzen…]

[Die Episoden der Tage dazwischen möchte ich aus Schutz für mich nicht erzählen.]
Ich habe wiederholt das Bedürfnis zu gehen geäußert. „Da schauen wir mal“ hieß es nur. Wer zuständig sei? Wo ich hin müsse? „Wir leiten das weiter.“… nachdem ich genug Aufstand gemacht habe – und ich wundere mich bis heute, wo da plötzlich die Energie für da war – fand ich mich vor einem Gremium wieder. In einem Raum saßen 11 Leute. Nur einer stellte sich vor: der Chefarzt. Ich saß da an einem Tisch gegenüber von 11 Leuten, denen ich jetzt mein Persönlichstes auf den Tisch legen sollte, ohne deren Namen und Funktionen zu kennen. Ihrem Alter nach waren manche Studierende, genau so alt wie ich. Der Arzt stellte Fragen: Zu meiner Beziehung. Zu meinem Alltag. Wie ich so klar kommen würde. Ob meine Beziehung nicht eher schädlich sei.
Ich fühlte mich so gedemütigt, so klein, so schmutzig. Vor all diesen Leuten, die ich nicht kannte, die mich anstarrten zu meinen Schmerzen und meinen Ängsten befragt zu werden. Ich wollte nicht antworten. Dann müsse ich verstehen, dass sie mich nicht gehen lassen könnten. Nein, das verstehe ich nicht. Ich möchte gehen.
Ich schildere das jetzt nicht zu Ende. Es gab schlimmere Fragen, ich habe geantwortet, ich war kaputt, ich wollte gehen. Am Ende – nach 1 Stunde Zermürbung – wurde mir gesagt, ich würde entlassen. Auf dem Entlassensbrief stand, ich hätte mich nicht kooperativ gezeigt. Ich verstehe bis heute nicht, warum sie sich die ganze Zeit genommen haben – haben sie wirklich geglaubt, sie würden mir damit helfen? Etwas Gutes tun? Dass ich das schon noch einsehen würde?

Meine damalige Freundin hat mich abgeholt und umarmt. Und nichts war besser. ICH wurde umarmt. (Und solltest du das je lesen – unwahrscheinlich – ich werde nicht vergessen, wie du da standest, mit Keksen, und mich umarmt hast und da warst, einfach da warst für mich. Danke.)
Die Freundin, die mich „eingewiesen“ hat, hat mir versprochen, mich NIE NIE wieder in eine psychiatrische Einrichtung zu bringen. Sie hat selber sehr darunter gelitten wie schlimm es mir – und anderen – dort ging/geht.
Ja, nun nimmt sie also bei der nächsten suizidalen Krise diese Last auf sich, mich bei ihr wohnen zu lassen und nicht aus den Augen zu lassen. Dabei kann sie das eigentlich gar nicht. Dabei soll sie das gar nicht müssen, wenn es nach mir geht. Weil das einem Menschen ganz weh tun kann. Weil es genau so traumatisierend sein kann, einen geliebten Menschen um sich zu haben, der suizidal ist. Weil es nicht einfach ist, dass nicht auf sich und eine eigene Unfähigkeit zu beziehen. Das macht dann die Angehörigen auch noch kaputt. Und weil ich eigentlich in solchen Situationen lieber bei „Menschen mit professioneller Distanz“ wäre, damit sie wissen, wie sie mit so etwas umgehen können.
Aber nein, nach diesem Urteil geht das wohl wieder nur noch in alternativen Projekten.

Ich stelle mir vor, wie genial beruhigend es wäre, wenn ich in einer Krise eine Notfallnummer wählen könnte, die mir dann wirklich hilft. Wenn ich Freund_innen eine Stelle sagen könnte, wo sie mich guten Gewissens hinbringen können und wissen, dass ich „echte“ Hilfe bekomme – und dass ich wieder gehen darf, wenn ich weiß es geht wieder. Dass ich dieses Wissen über mich selber habe, das hat mir in der Psychiatrie wirklich niemand geglaubt.
Ich weiß das. Ich kenne mich. Und vielleicht überschätze und verschätze ich mich da mitunter auch. Aber, so radikal das klingen mag: ich möchte letztlich auch, dass Menschen, wenn sie sich dazu entschieden haben, sich umbringen können. Dass ihnen geholfen wird, das Leben wieder zu sehen, aber das ihre Entscheidung dennoch respektiert wird. Das mag radikal sein. Aber wie radikal ist erst eine Welt, in der Menschen gegen ihren Willen festgehalten und mit Drogen vollgepumpt werden dürfen, weil sie „den Nutzen der Therapie nicht sehen“?

Fragen an euch Lesende:
Es gibt ja diese Patientienverfügung hier (ACHTUNG: TRIGGER Das Video enthält die deutliche Darstellung einer Zwangsbehandlung): ist das sinnvoll? Was haltet ihr davon?

Und: welche Möglichkeiten kennt ihr an guten Psychiatrie-Alternativen?
Ich selbst habe in einer speziellen Psychosomatischen Klinik hervorragende Hilfe bekommen und habe mich sehr wohl und respektiert gefühlt. Aber dort dauert es lange, bis mensch einen Platz bekommt. Also, wohin in der Krise? Was kann ich meinen Angehörigen sagen, wo sie sich hinwenden können?


2 Antworten auf „„Der Patient kann die Notwendigkeit der ärztlichen Maßnahme nicht erkennen.““


  1. 1 C. Rosenblatt 21. Januar 2013 um 12:52 Uhr

    Hallo Ravna,

    diese Patientenverfügung ist definitiv sinnig- es schadet nicht sie auszufüllen.

    Manche psychiatrischen Einrichtungen ermöglichen eine Behandlungsvereinbarung in Krisensituationen. Heißt man geht in einer stabilen Phase hin und bespricht welche Maßnahmen dort getroffen werden sollen und welche nicht.
    (Ich persönlich bin demgegenüber so voll nicht offen- weil die Definitionsmacht über meinen Zustand im Fall des Fall eh nicht mehr bei mir liegt, sondern bei den behandelnden Ärzten und betreuuenden Pflegern. Heißt- selbst wenn man vorher abspricht: bei akuter Suizidalität keine Medikation- kann es doch kommen, dass man innerhalb der suizidalen Phase wegen etwas ganz anderem „ausrastet“ und dann deshalb Medis reingedrückt kriegt).

    Eine weitere sichere Option (bezgl Diskussionen um Entlassung etc) ist Kontakt mit den Patientenfürsprechern des Krankenhauses, Kontakt mit einem Rechtsanwalt und der sog. „Trialog“ (Anlaufstelle hier der sozialpsychiatrische Dienst der Stadt in der man wohnt).
    So traurig es klingt ist der beste Schutz ein Netz ausserhalb und eine strikte Vorbereitung solcher Krisen bzw. der Aufenthalte dort. Niemals allein sein, wenn man Kontakt mit der Psychiatrie hat.
    (Total bescheuert sich für Hilfe richtiggehend „wappnen“ zu müssen…)

    Viele Grüße

  2. 2 anja und sterne 22. Januar 2013 um 1:49 Uhr

    Hallo Ravna,

    es ist so schlimm zu lesen was immer noch geschieht…

    ich weiß das es in Bremen ein Haus gibt wo man z.B. eine Nacht verbringen kann, anstatt in die Psychiatrie zu gehen. Sowas sollte es überall geben…

    Danke für deinen Mut zu schreiben!

    Liebe grüße und eine Gute Nacht
    anja und sterne

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