Reich im Menschsein, nicht im Haben

„Es ist der Reichtum, ein Mensch zu sein, von dem dieser Text spricht, nicht der, etwas zu haben. Reichtum, der im Haben besteht, sichert sich durch Besitz, Stand und Privilegien. Es ist ein Reichtum, der dadurch zustande gekommen ist, daß andere arm gemacht worden sind.“ (Dorothee Sölle, Rede vor dem Ökumenischen Rat der Kirchen 1983 in Vancouver zu Jesaja 58,6-12)

Genau so sehe ich meine Beziehung. Ich bin reich an meiner Beziehung, an meiner Liebe, ja gewissermaßen auch an meinem Freund. Aber nicht, indem ich andere, seine Freundin, arm mache. Nein, mein Reichtum ist kein bloßes „ihn haben“ und dann kann ihn kein*e andere*r mehr haben, sondern mein Reichtum mehrt sich, wenn er sich nicht davon speist, dass Anderen etwas genommen wird.
Mein Freund wird mehr, indem er liebt und Freude empfindet. Und ich werde mehr, indem ich liebe und Freude empfinde.
Ich habe ihn eben nicht, sondern ich liebe ihn. Der ganze Reichtum der sich daraus ergibt ist unser Menschsein, unser in Beziehung stehen.

Das ist eine ganz andere Denkweise auf den Reichtum, den Menschen mir geben, als die üblich besitzbezogene. Es ist gewissermaßen eine soziale, beziehungsbezogene Sichtweise. Ich werde doch reich durch all das, was wir teilen, was wir erleben, reden, denken. Was Anderes könnte mich denn an einem Menschen reich machen?

Da fällt mir nur seine Arbeitskraft an, an der ich mich bereichern könnte. Aber meine*n Partner*in als Arbeitskraft zu sehen, da wehre ich mich doch gegen. Mich macht sie*er als Partner*in reich, d.h. es ist die Partnerschaft, die mich reich macht. Und die ist wieder nichts anderes als In-Beziehung-stehen. Von Haben erkenne ich da nichts.

Die Vorstellung, man müsse seine*n Partner*in haben, setzt die Vorstellung voraus, dass Liebe eine begrenzte Ressource ist. Daran glaube ich nicht. Ich glaube, dass Liebe immer mehr will. Und mehr. Und mehr. Aber nicht haben. lieben.


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