Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral

Ich war heute Abend in der Dreigroschenoper im Hamburger Schauspielhaus. Die Inszenierung hat mir gut gefallen muss ich sagen und die Darsteller_Innen waren richtig gut.

Allerdings fiel mir etwas ganz anderes schwer: in diesem prunken, schnieken Theater unter schnieken Leuten zu sitzen, die ihren Pelz an der Garderobe abgegeben haben um sich der Kultur hinzugeben. Brecht gehört ja zum guten Ton und einfach dazu.
Da stehen sie dann vorne am Bühnenrand und singen in eben diese Gesichter: „Das ist es Menschen nacktes Recht auf Erden… doch die Verhältnisse sie sind nicht so!“

Nicht, dass ich irgendwem absprechen möchte, Brecht zu sehen und hören – oh nein, alle sollten – doch was mich erschreckt ist die Kulturfrömmelei. Man hört sich die Dreigroschenoper an, und dann fährt man fröhlich beschwingt wieder nach Hause ohne nur einmal weiter über die Kritik nachdenken zu müssen. Zumindest unterstelle ich das.

Da wird im ganzen Saal gelacht und geschmunzelt, wenn es heißt „Ach Polly, was ist denn schlimmer? Eine Bank zu überfallen oder eine Bank zu gründen?“ und der Hunger, der blanke Hunger, überhöhrt.

Schön umgesetzt war die Eifersuchtsszene, die mir als poly-Mensch ja ohnehin gefällt:
„Ich habe dich so lieb, ich hätte es fast lieber dich gehängt zu sehen, als in den Armen einer Anderen.“

Mackie singt „Wenn die Not am Höchsten, ist die Rettung am Nächsten“ und ich musste an Hölderlin denken: „Wo aber Gefahr ist wächst das Rettende auch.“ Ach ja, hätte Hölderlin gewusst, was mit seiner Poesie noch passieren wird und Brecht gewusst, wie seine Stücke aufgenommen werden, hätten sie sich dann überhaupt noch getraut, oder hätten sie ebenso resigniert?
Ich bin ein wenig resigniert heute abend. Was sich geändert hat seit 1928 frage ich mich und bin mir noch nicht sicher, ob ich die Antworten finde und wenn, ob ich sie mag.


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